Wenn die schlechteste Option ist, Hilfe anzubieten.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es viele Leute wie mich gibt, die ihren Job machen und immer eines im Hinterkopf haben: qualitativ hochwertige Arbeit leisten und sicherstellen, dass das Projekt erfolgreich endet und der Kunde mit dem Ergebnis zufrieden ist. Es gibt aber Momente, da sollte man sich besser zurücknehmen.

Als ich vor ein paar Monaten mit einem neuen Projekt beauftragt wurde, wusste ich nicht genau, was mich erwartet. Ich war nur für einen Kollegen als Urlaubsvertretung eingesprungen. Da ich gerade ein anderes Projekt übergeben hatte und bereit für eine neue Aufgabe als UX-Designer war, fiel die Wahl logischerweise auf mich.

Von Anfang an war klar, dass im Projekt bislang nicht viel Arbeit in UX-Design gesteckt wurde. Bis dahin wurden nur Mockups erstellt und verbessert. Zur Verteidigung meines Kollegen ist zu sagen, dass es nicht seine Schuld war. Die gesamte Projektstruktur was unklar und selbst das Ziel des Projekts wurde zu diesem Zeitpunkt noch definiert – nach einem Jahr unfruchtbarer Diskussionen und keinem konkreten Plan, wohin es mit dem Projekt gehen sollte. Ich will gar nicht wissen, wie viel Zeit und Geld bis zu diesem Zeitpunkt verschwendet wurde.

Als ich also im Co-working Space ankam, in dem ich den größten Teil meiner Zeit für die nächsten drei bis vier Monate verbringen sollte, bekam ich direkt die Aufgabe, einen ziemlich detaillierten Prototypen zur Visualisierung der webbasierten Plattform zu erstellen. Ich spare mir hier jetzt die Details zum Projekt, da diese nicht notwendig sind für das Verständnis der Botschaft des Artikels. Außerdem sind das auch vertrauliche Informationen – wer hätte das gedacht.

Damit fing alles an

Nun, da ich neu im Projekt war und durch meine frühere Selbständigkeit Erfahrungen in verschiedensten Bereichen sammeln durfte, nahm ich mir die Aufgabe vor und bastelte einen Prototypen zusammen – ganz im Gegensatz zur Vorgehensweise, die ich normalerweise vorschlagen würde. Ich hatte nämlich keinen Zugang zu bisherigen Forschungsergebnissen, noch gab es überhaupt welche. Ich wollte nur einige schnelle Erfolge erzielen, da der Prototyp für einen Stakeholder-Workshop benötigt wurde, der nur wenige Tage später stattfinden sollte.

Alle waren zufrieden und die schnelle Umsetzung hatte mir sicherlich ein paar Bonuspunkte eingebracht.

Die echten Probleme entstanden erst, als einige Frontend-Entwicklungsarbeiten zu erledigen waren. Das Projektteam hatte leider keine erfahrenen Frontend-Entwickler und als die Aufgabe aufkam, ein Drupal-Theme für das Backend zu erstellen, bot ich an, es schnell zu entwickeln. Zeit war wieder ein Problem und für mich war es so auch weniger Arbeit, als vorher Entwürfe in Sketch zu erstellen. Diese hätten dann dann von einem Entwickler erst noch umsetzt werden müssen – diesen gab es ja aber noch nicht im Team. Es hätte erst einer gefunden werden müssen, was den Projektfortschritt erstmal verlangsamt hätte. Ich wollte nur, dass das Projekt vorankommt und bot deshalb eben auch meine Hilfe in dem Bereich an.

Lasst die Arbeit die Spezialisten machen

Hätte ich damals nur gewusst, welch großen Fehler ich damit begangen hatte. Eigentlich hätte ich es ja sogar wissen müssen. Denn es war nicht das erste Mal, dass so etwas passiert ist. Aber ich helfe gerne aus und möchte auch sicherstellen, dass das Qualitätsniveau einem gewissen Standard entspricht. Also neige ich dazu einzuspringen, wenn meine Hilfe benötigt wird.

Tja, und was habe ich für dieses Projekt wohl bis heute noch nicht getan? UX-Design. Nun, zumindest fast keins. Seit jenem Tag beschäftige ich mich hauptsächlich mit Frontend-Entwicklung und UI-Design. Ich hätte nur die Arbeit leisten sollen, für die ich offiziell ins Projekt geholt wurde. Jetzt gibt es keine Möglichkeit mehr, die Sache umzudrehen. Dafür ist das Projekt zu weit fortgeschritten und meine Rolle zu gefestigt.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das natürlich bis zu einem gewissen Grad sinnvoll. Warum eine andere Person für etwas bezahlen, das jemand im Team bereits liefern kann?

Das Problem ist jedoch, dass bislang keine UX-Design-Prozesse gestartet wurden, was letztendlich zu einem Produkt führt, das weit unter dem Qualitätsniveau liegt, das es hätte haben können, wenn ich meine eigentliche Arbeit erledigt hätte.

Also ja, am Ende bin ich schuld. Im Grund ist es auch ziemlich egoistisch, so zu handeln. Man bekommt entsprechendes Ansehen, weil man viel leisten kann. Aber auf lange Sicht hilft es dem Projekt nicht, wenn ich die Frontendentwicklung übernehme. Jeder mäßig qualifizierte Frontend-Entwickler und ein UI-Designer hätten das tun können, was ich aktuell mache. Dann hätte ich mich darum kümmern können, mit Usern Interviews zu führen, User-Tests durchzuführen und sinnvolle Konzepte zu entwerfen. Denn das ist es, was tatsächlich fehlt und dringend benötigt wird, um ein gutes Produkt zu entwickeln. Ich hätte mich darauf konzentrieren können, meinen Job zu machen – leider habe ich aber den Zeitpunkt verpasst, das tun zu können.

Öfter Nein sagen

Bin ich immer noch anfällig dafür, auszuhelfen und in die gleiche Falle zu tappen wie vorher? Ganz sicher sogar. So bin ich eben. Aber ich werde zukünftig vorsichtiger sein, meine Hilfe bei der Erstellung von Grafiken, Mockups oder HTML- und CSS-Code anzubieten. Ich kann jedem nur raten, immer nur das anzubieten, was man tatsächlich „verkauft“ hat und gegebenenfalls dabei zu helfen passende andere Leute für zusätzliche Arbeiten zu finden. Schlagt lieber Lösungen vor, die zu einem maximal erfolgreichen Projektabschluss führen – dazu gehört eben nicht, dass ihr alles selbst übernehmt was ihr könnt und dann keine Zeit mehr habt, euren eigentlichen Job auszuführen.

(Alle meine Artikel werden von mir persönlich geschrieben. Da schaut niemand mehr drüber, was manchmal vielleicht besser wäre. Aber dadurch bekommt man eben auch genau das zu lesen, was ich so denke und recherchiert und gelernt habe. Da bleiben ein paar Rechtschreibfehler nicht aus. Das tut mir auch echt leid, aber damit muss man dann auch einfach mal klar kommen.)