Echtes Können benötigt Zeit und Erfahrung

„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“, „Übung macht den Meister.“ oder „Früh übt sich, was ein Meister werden will.“ sind gängige Redewendungen, die jeder schon gehört haben müsste. Mitunter sind solche Redewendungen auch großer Schwachsinn und klingen nur gut. Aber in dem Fall stimmen sie einfach.

Wahrscheinlich war es schon immer so oder so ähnlich, aber mit der gesamten Schnelllebigkeit des Internetzeitalters habe ich auch so das Gefühl, dass sich kaum noch jemand mit seiner Materie richtig beschäftigen will. Jeder will schnell das große Geld machen und berühmt werden, so wie es einem in den sozialen Netzwerken vorgegaukelt wird. Man möchte schnell jemand sein, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was es eigentlich bedeutet, mehr als nur heiße Luft zu produzieren – die übrigens auch ziemlich schnell in sich zusammenfällt, wenn man mal etwas tiefer bohrt.

Hier mal einen Beitrag auf Medium gelesen, da mal ein Tutorial gemacht. Die neusten Designtrends für 2018 gibt’s per Newsletter und Lösungen finden sich sowieso auf Stack Overflow (ich würde ja wirklich gerne wissen, was passiert, wenn die Seite dicht macht). Man hat ja heute keine Zeit mehr ein Buch zu lesen. Dauert viel zu lange. Da such ich mir lieber einen 500 Zeichen Artikel, der bestenfalls einfach die Meinung unterstützt die ich sowieso schon habe und der mir die Selbstbestätigung gibt, dass ich ja doch schon richtig viel weiß und mehr auch gar nicht nötig habe.

Leider steht aber auch viel Unsinn im Netz und wer nicht fähig ist die Spreu vom Weizen zu trennen, wir zukünftig Annahmen nicht auf fundiertem Wissen aufbauen, sondern auf einem sehr wackligen Fundament. Dazu muss man ja auch sagen, dass viele Unternehmer ja genau daraus Kapital ziehen, dass man keine Zeit mehr investieren will. Sie bieten Abkürzungen zum Erfolg für viel Geld an, die dann aber leider nur wirklich zum Erfolg eben dieser Personen führen. Aber das ist ja eigentlich auch nichts neues. Das gab es schon immer. Nur heute ist es einfacher denn je, große Massen damit zu erreichen.

Aber um etwas wirklich zu können, bedarf es mehr als nur an der Oberfläche zu kratzen. Man benötigt fundiertes Wissen und Erfahrung. Beides Dinge für die man viele Jahre braucht, um auf eine höhere Ebene zu kommen. Ich selbst bin auch noch lange nicht am Ziel angekommen und werde es auch nie erreichen – viel zu viel gibt es zu lernen und auszuprobieren. Ich würde auch nie jemandem seine Expertise absprechen, wenn es sich um ein Gebiet handelt in dem ich keine Erfahrung oder kein Wissen habe. Ich merke aber schon, wenn jemand nur so tut, als wäre Wissen vorhanden. Damit mag man sogar relativ weit kommen, wenn man sich generell gut verkaufen kann. Wenn man dann aber jemandem gegenübersteht, der sein Handwerk versteht, oder man dann tatsächlich zeigen muss was man kann, wird man auch ziemlich schnell entlarvt.

Mir fehlt es hier auch ganz stark an Selbstreflexion – der Fähigkeit, sich selbst auch mal ganz realistisch zu betrachten und zu bewerten. Viel zu oft werden Luftschlösser aufgebaut und man bewegt sich in einer rosaroten Zuckerwatte-Blase. Eine Blase, in der man sich vormacht, doch schon so viel zu wissen und es nur die anderen sind, die einen missverstehen. Besser wäre es aber, offen für die Aussagen der anderen zu sein, zu reflektieren und Verantwortung zu übernehmen. Mag ja sein, dass die anderen unrecht haben. Aber vielleicht steckt ja doch ein Funken Wahrheit darin.

Ich habe es oft genug erlebt, wie Kartenhäuser zusammengebrochen sind. Situationen, in denen plötzlich ganz deutlich wurde, dass noch nicht mal die Grundlagen verstanden wurden und dennoch wurde versucht, die Sixtinische Kapelle nachzubauen – mitunter haperte es dann auch schon am Kastanienmännchen. Wer rennen will bevor man gehen kann, wird unweigerlich auf die Schnauze fallen. Nichts, absolut gar nichts kann die Zeit ersetzen, die man darin investiert, sich Wissen und Erfahrung anzueignen – sei es durch Bücher, Abhandlungen, Vorträge, gute Blogbeiträge, Gespräche mit anderen und vor allem durch persönliche Erfahrung.

Ich habe so viele unzählige Zeilen Code geschrieben, so viele WordPress-Seiten gebaut und mir so viel Wissen über Web Design, UX Design, Psychologie, Verkauf, Teamleitung, usw. über die Jahre hinweg aufgebaut und darin auch Erfahrung gesammelt, dass ich in einigen dieser Bereiche ein sehr inniges Verständnis zur Materie habe. So innig, dass ich mittlerweile schon ein Bauchgefühl dafür habe, wie ein Problem vielleicht zu lösen sein könnte.

Und dennoch sehe ich noch so viele Dinge, die ich noch nicht so gut kann, wie andere oder wie ich es mir wünschen würde. Ich weiß, was ich kann und was nicht und muss deshalb auch niemandem etwas vormachen. Ich sehe dort draußen Menschen, die so unglaublich viel besser sind als ich und genau deshalb weiß ich, dass ich meinen eigenen Ansprüchen und denen meiner Kunden nur gerecht werden kann, wenn ich weiter lerne, mich ständig weiter fortbilde und neue Erfahrungen sammle. Dafür muss man Arbeit investieren. Das braucht Zeit. Das braucht Durchhaltevermögen. Das braucht auch eine gewisse Demut. Denn wer glaubt, ohne Arbeit und durch Überheblichkeit echtes Können zu erreichen, wird irgendwann ganz heftig vor die Wand laufen – spätestens dann, wenn Stack Overflow dicht gemacht hat.

„Realtalk“ soll zukünftig meine Kategorie sein für etwas persönlichere Beiträge. Kann sein, dass ich mich über etwas aufrege. Kann aber auch sein, dass ich über etwas schreibe, das mir gerade einfach nur so im Kopf rumgeht. Es werden auf jeden Fall Beiträge sein, die auch mal weniger sachlich sind.

(Alle meine Artikel werden von mir persönlich geschrieben. Da schaut niemand mehr drüber, was manchmal vielleicht besser wäre. Aber dadurch bekommt man eben auch genau das zu lesen, was ich so denke und recherchiert und gelernt habe. Da bleiben ein paar Rechtschreibfehler nicht aus. Das tut mir auch echt leid, aber damit muss man dann auch einfach mal klar kommen.)