Fehler im System

Als UX Designer hat man die Aufgabe, dass Erfahrungen mit einer Sache beim Menschen einen möglichst positiven Eindruck hinterlassen – sei es bei einem digitalen Gut, wie einer App oder Webseite, einem physischen Produkt oder auch einem Erlebnis, wie einer Reise oder einem Event. Auch für die Unternehmensseite gilt es das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Für beide Seiten versucht man, als UX Designer ein optimales Ergebnis zu erzielen.

So weit, so gut. Doch meines Erachtens gibt es einen großen Fehler im System, der immer mehr in den Fokus rückt: die endlose Optimierung.

UX Designer, die Optimierungsmaschinen

User Experience Designer werden heutzutage weniger hinzugezogen, um sinnvolle Dinge zu erschaffen oder Produkte nutzbarer zu machen. Vielmehr geht es darum, bestehende Produkte zu optimieren. Dagegen spricht erstmal nichts. Ein Produkt auf Schwachstellen zu analysieren, diese auszubügeln und das Produkt dadurch für alle Seiten zu verbessern, kann nicht schlecht sein und kann ich auch nur unterstützen.

Ab einem gewissen Zeitpunkt geht es aber dann nur noch darum, Kommastellen zu optimieren: die CTR (Clickthrough Rate) um 3 % erhöhen, 1,5 % mehr Artikel in den durchschnittlichen Warenkorb der Nutzer bringen, 0,1 % höhere Öffnungsraten des Newsletters erzielen,… In absoluten Zahlen kann das bei hohen Besucherzahlen natürlich erhebliche Auswirkungen auf den Umsatz haben – sehr hohe Einnahmen um wenige Prozente oder Bruchteile davon zu steigern, kann Millionen bringen. Aber da stellt sich mir trotzdem die Frage nach dem Sinn dahinter. Anstatt dafür zu sorgen, dass etwas inklusiv und damit besser nutzbar wird für alle, versucht man den Umsatz noch weiter zu steigern. Da wird das positiv ansteigende Balkendiagramm im nächsten Meeting wichtiger als etwas Gutes für die Menschheit zu tun. Es geht einfach nur noch darum, mehr zu verdienen: Hauptsache, die Gewinnmaximierung stimmt. Denn eins ist klar: wenn die Kurve nicht nach oben zeigt, hat man versagt.

Sinnvolle Optimierungen

Wieso aber kann man denn nicht ein erreichtes Level halten und die Zeit investieren in Änderungen oder Neuentwicklungen, die für Menschen tatsächlich das Nutzererlebnis verbessern. Kein Nutzer wird wirklich eine Verbesserung bemerken, wenn man aus einem grauen Button einen grünen macht, der dann für 2,5 % mehr Klicks sorgt. Ja, unterbewusst wird man mehr auf den Button gelenkt. Aber es macht das Produkt nicht wirklich besser für den Menschen.

Ganz anders, wenn man daran arbeitet, dass auch Menschen mit Behinderung ein Produkt uneingeschränkt nutzen können. Nebeneffekt gerade bei digitalen Produkten: in der Regel wird das Produkt durch solche Anpassungen auch für Menschen ohne Behinderung besser nutzbar. Die Zeit und das Geld, das man in die Optimierung solcher Kommastellen steckt, könnte man zum Beispiel auch darin investieren, neue Wege zu gehen. Wo bleiben die mutigen Neuerungen? Wo bleiben die Änderungen, die einen vom Rest des Wettbewerbs abheben? Was ist mit „Privacy by Design (Link zu digitalcourage.de)„? Alles gleicht sich immer weiter aneinander an, weil jeder den anderen kopiert. Woher kommt diese Angst, etwas zu verlieren, nur weil man nicht exakt das gleiche macht, wie der Wettbewerber? Die große Ironie dabei dürfte sein, dass die meisten Wettbewerber vermutlich auch nur von den anderen kopieren.

Genauso wie wir nicht noch mehr Nagelstudios brauchen, die alle das Gleiche anbieten und sich in einen Preiskampf begeben, der damit endet, dass am Ende das Studio mit dem dicksten finanziellen Polster überlebt. Ja, genauso benötigen wir nicht noch mehr Onlineshops, die sich eins zu eins gleichen und die Positionierung ihrer Buttons optimieren, damit das Unternehmen im nächsten Vorstandsmeeting Grafiken mit minimal steigenden Balkendiagrammen vorweisen kann.

Frust vorprogrammiert

Als UX Designer empfinde ich es als extrem frustrierend, dass sich der Beruf in diese Richtung entwickelt hat. Vielleicht war das aber auch schon immer so? Da bin ich mir gar nicht so sicher. Vielleicht beschäftigt mich das Thema nur aktuell mehr als früher. Gibt es keine wichtigeren Probleme, die man lösen sollte, als Klickraten im Promillebereich zu erhöhen? Kann man sich wirklich auf die Schulter klopfen für gute Arbeit, wenn man genau das erreicht hat? Mir ist durchaus bewusst, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert und kein Unternehmen kann überleben, wenn es keine Gewinne einfährt. Aber habe ich durch endlose Optimierung der Menschheit etwas gutes getan? Oder habe ich damit nicht einfach nur mehr Geld in sowieso schon gut gefüllte Taschen befördert?

Ich muss mir zumindest keine Vorwürfe machen, dass ich für ein Unternehmen arbeite, das wissentlich unseren Planeten und Menschen ausbeutet. Nein, mein Arbeitgeber ist gut. Darüber hinaus ist für mich der Prozess immer noch der wichtigere Teil meiner Arbeit als das Ergebnis, das ich damit erziele. Ansonsten wäre diese Art von Arbeit aufgrund ihrer zweifelhaften Sinnhaftigkeit, mehr als nur etwas stumpf und kräftezehrend. Und dennoch bleibt dieser Wunsch nach mehr…

(Alle meine Artikel werden von mir persönlich geschrieben. Da schaut niemand mehr drüber, was manchmal vielleicht besser wäre. Aber dadurch bekommt man eben auch genau das zu lesen, was ich so denke und recherchiert und gelernt habe. Da bleiben ein paar Rechtschreibfehler nicht aus. Das tut mir auch echt leid, aber damit muss man dann auch einfach mal klarkommen.)